Texte / articles (only German) - Thorsten Eckert Fotografie

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Reportagen

Zwei Clowns, eine Berufung
(Text: Thorsten Eckert)

Eine blumige Ingenieurin und ein Profi-Clown sind ehrenamtlich in der Dresdner Kinderklinik unterwegs

„Dürfen wir reinkommen?", lautet die Frage an beinahe allen Zimmertüren der langen Flure. Und fast immer lautet die Antwort „ja". Denn es zählt nur der Wille der kleinen Patienten auf den Stationen der Kinderklinik, Eltern und Schwestern haben Donnerstagnachmittags nur wenig mitzubestimmen. Außer natürlich bei den Zimmern, die wegen Ansteckungsgefahr nicht betreten werden dürfen. Kathrin Brückner als Blümi und Thomas Patri als TomTom besuchen in der Universitätsklinik Carl Gustav Carus in Dresden die jungen Patienten – und das kann für die Clowns sowohl anstrengend als auch sehr schön sein – während Kinder, Eltern und auch die Schwestern den Spaß und die Abwechslung sichtlich genießen.


Das Zimmer ist klein und nüchtern eingerichtet, ein Tisch, Schlafsofa, Stühle, Schränke und ein Waschbecken mit Spiegel. Bei mehr als zwei Personen wird es auch im Winter schnell mal warm.  Einer der Aufenthaltsräume für Angehörige der Patienten ist gleichzeitig auch der Raum, in dem sich die meist vier MediClowns umziehen, schminken und für ihre Nachmittagsrunde an den Donnerstagen vorbereiten. Auch der Requisitenschrank ist hier zu finden. Es riecht nach Mastix, dem Klebstoff für Maskenbildner, denn Thomas Patri ist gerade dabei, sich seine rote Nase anzukleben. Nebenan steht Kathrin Brückner vor dem Spiegel, um sich bunt zu schminken. Der Spiegel ist einer der wenigen Hinweise im sonst dezent gehaltenen Raum, denn darauf sind bunte Farbkleckse und das Logo der MediClowns Dresden zu sehen. Hier beginnt die Verwandlung der beiden. Warmmachen durch Witze, der Alltag wird abgelegt, die Clowns kommen mit jedem Kostümteil und jedem Accessoire mehr zum Vorschein. Auch ihr Umgang miteinander und die Sprache ändern sich. TomTom und Blümi sind bekannt in der Kinderklinik und werden bereits sehnsüchtig erwartet. Sobald besprochen ist, wer welche Stationen übernimmt, startet gegen 16 Uhr die Runde. Wenn möglich, sind die Clowns in Zweierteams unterwegs. Und die Runde durch die Stationen kann schonmal einige Stunden dauern - bis eben alle Zimmer besucht sind.


Die Socken sind bunt, auf den Schuhen kleben zwei Blumen - Kathrin Brückner ist als Blümi unterwegs. Die 47-Jährige schätzt, dass sie sich als Clown Dinge trauen kann, die sie im normalen Leben nicht machen würde
mit Fliegenklatschen Luftballons durchs Zimmer pfeffern, Musik und Seifenblasen oder auch eine Kuscheltier-Inventur. Die Ingenieurin und Informatikerin arbeitet bei den Dresdner Verkehrsbetrieben und ist dort zum Beispiel zuständig für die Dynamische Fahrgastinformation, Beleuchtung und den Netzübersichtsplan. Als Clown ist sie seit 2010 unterwegs, seit 2011 ist sie im Vorstand des Vereins. Und so hat sie auch eine Fibel für die Clowns zum 15-jährigen Bestehen erstellt, in der alles Wichtige auf mehr als 30 Seiten zusammengefasst ist. Von Regularien wie Hygiene im Krankenhaus über Clownsvokabular und Spielroutinen bis hin zu Tipps, wie man den Clown in sichg weiter entwickeln kann, ist dort alles zu finden. Blümi entstand einfach: Ich mag Blumeng, so Brückner.


Was sie erwartet, wissen die beiden nie, wenn sie auf den Fluren unterwegs sind oder an eine der Zimmertüren klopfen. Improvisation ist alles. „Wir müssen uns immer neu auf unser gegenüber einstellen", sagt TomTom. Und das meist mit Erfolg. Egal ob schüchtern oder draufgängerisch – zu den Kindern finden die beiden Clowns immer den richtigen Draht. Da kann es schonmal passieren, dass Fußbälle durch ein Krankenzimmer fliegen, jongliert wird oder nach einem Zaubertrick ein Lufballon unter einem Tuch erscheint. Auch Teile eines Bettgestells werden zu einem Alphorn umfunktioniert – wenn sie nicht gerade auf TomToms roter Nase feststecken und von einer Schwester auf dem Gang „operativ" entfernt werden müssen. Kein Gegenstand in den Zimmern ist sicher vor den beiden Clowns, aus allem kann ein Requisit werden. Eltern, die auf einem Sofa in der Aufenthaltsecke sitzen, wundern sich darüber schonmal. „Das Sofa hat auf Deine Schuhe abgefärbt, die sind jetzt auch schon ganz grün", findet TomTom.


Als Architekturstudent besuchte Thomas Patri 1996 die Universität und spielt nebenbei Theater. Dabei lernte er die Gründerin der Dresdner MediClowns, Eve Ledig Adam, kennen und besuchte einen Workshop, der seinen Lebensweg veränderte. Denn seitdem ist der 42-Jährige nicht nur in der Klinik unterwegs, sondern lebt von seiner Figur TomTom. Doch als Rolle oder Schauspiel sieht er das nicht.
Ein Clown ist etwas Eigenes, bei dem man sich zu 100% einsetzen muss. Eine zweite Persönlichkeitg, sagt er. Die Clownstechniken könne man erlernen, Authentischsein und Empathie nicht. Man muss die Situation in jedem Zimmer erspüren. Fühlen, ob es den Kindern gerade gut oder schlecht geht, ob sie traurig oder wütend sind. Und dann muss man auf sie eingehen und sie nicht veralbern.g Neben der ehrenamtlichen Arbeit in der Klinik ist TomTom in einem Altersheim, auf Bühnen, bei Festen und auch bei privaten Feiern unterwegs, doch dort gibt es eher ein Programm, an das er sich hält, während im Krankenhaus eben ständige Improvisation gefragt ist. Privat beschreibt sich Patri eher als melancholischen Menschen, während der Clown immer fröhlich, frech und albern ist. Inzwischen gibt er selbst Kurse und Seminare für Clowns.


Abends geht es meist zum Italiener
abgeschminkt und ohne rote Nasen. Denn ebenso wichtig wie die Runden durch die Klinik ist für die Clowns die Nachbereitung des jeweiligen Nachmittags. Dabei wird nicht nur besprochen, wie es mit den kleinen Patienten gelaufen ist, sondern auch, was die Clowns fühlten und eventuell zu verarbeiten haben. Mitfühlen ist erlaubt, Mitleiden sollte aber nicht passieren. Denn die Kinder bekommen in der Uniklinik die bestmögliche Betreuung, die Aufgabe der Clowns sei es, unbeschwerte Minuten durch Lachen zu schenken. Durch Abendessen und Besprechung muss keiner bedrückende Momente mit nach Hause nehmeng, sagt Brückner. Zusätzlich finden jeden Monat mindestens ein Training und zwei Wochenendworkshops pro Jahr statt. An manchen Tagen kostet es mehr Mühe, Patienten und Eltern zu unterhalten, manchmal läuft es dagegen wie am Schnürchen und die Zeit vergeht wie im Flug. Am tollsten sei es natürlich, wenn das zuletzt besuchte Zimmer einen schönen Eindruck hinterlässt, denn den nimmt man dann mit - sogar in die Nachtschicht, die gleich darauf beginnt.

Der Super-Papa

(Text Sebastian Martin)

Roland Koschnicke arbeitet mit 60 als Tagesvater. In Bischofswerda betreut er tagsüber zwei Kleinkinder. Eine verantwortungsvolle Aufgabe.


Roland Koschnicke geht auf Nummer sicher. „Jetzt muss ich euch nur noch anschnallen, falls wir in eine Polizeikontrolle kommen", sagt er und legt den Sicherheitsgurt für Hannah und Luca an, die eingemummelt im Kinderwagen sitzen. Für sie scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein. Nichts erinnert an das Theater, als sie vor fünf Minuten noch gestritten haben, wer denn nun als erstes seine Wintersachen angezogen bekommt. Beide genießen bei der Spazierfahrt vielmehr friedlich die Sonne und schauen nach links und rechts, wo der Wind die letzten Blätter von den Bäumen weht.

Roland Koschnicke atmet kurz durch. Denn als Tagesvater muss man gute Nerven haben. „man mit den Kleinen die ganze Zeit drin wäre, würden alle irgendwann am Rad drehen", sagt er. Deshalb geht’s mit Hannah und Luca immer nach dem Obstfrühstück an die frische Luft. Jeden Vormittag, bei Wind und Wetter. Schließlich mache es Kindern auch Spaß, mit Regensachen und Gummistiefel durch Pfützen zu platschen, sagt der Tagesvater.

Vor zehn Jahren hätte sich Roland Koschnicke nicht vorstellen könen, heute zwei Kleinkinder beruflich durch Bischofswerda zu schieben. Doch als er mit Mitte 50 seinen Job als Werkzeugmacher verloren hatte, stand er vor der Qual der Wahl: entweder in die Schweiz gehen oder irgendetwas anderes bis zur Rente zu machen. Die Entscheidung nahm ihm seine Frau mehr oder weniger ab. Denn sie wollte nicht die Oberlausitz verlassen und auch keine Fernbeziehung führen.

Sie ermunterte ihren Mann vielmehr, ebenfalls eine Kindertagespflege zu eröffnen. Das eigene Haus am Stadtrand war ja groß genug. Und Erfahrung im Umgang mit Kindern hatte der heute 60-Jährige auch genug. Als fünffacher Familienvater weiß er, wie Windeln gewechselt und Zöpfe geflochten werden. Natürlich ohne Ziepen, wie er sagt. Also drückte Roland Koschnicke noch einmal monatelang die Schulbank und absolvierte Praktika, um sich zum Tagesvater ausbilden zu lassen. Er lernte, wie man mit dem Stress umgeht, aber auch, was man den Kindern auf den Weg mitgeben muss. Denn die Mädchen und Jungen sollen nicht nur betreut, sondern auch selbständig werden und zum Beispiel soziale Kompetenzen erhalten. Hannah und Luca hören deshalb auch ab und zu ein strenges Wort. So wie jetzt. Immer wieder ärgert der Zweijährige die ein paar Monate jüngere Hannah, bis der Tagespapa mit ruhiger, aber bestimmter Stimme eingreift.

Die berufliche Neuorientierung hat der 1,70 Meter große Mann mit dem ergrauten Vollbart bis heute nicht bereut – auch wenn er oft einen Zwölf-Stunden-Tag hat, weil er nach 17 Uhr die Räume saubermachen und Buch führen muss. Sein Arbeitsleben sei heute aber entspannter als das eines Werkzeugmachers, in dem es auf Hundertstel Millimeter ankomme und es permanent Termindruck gebe, sagt Roland Koschnicke. Wer das Trio bei seinem Spaziergang durch Bischofswerda begleitet, kann dies kaum glauben. Denn Hannah und Luca durften inzwischen aus dem Wagen aussteigen und rennen jetzt über eine große Wiese – in der Hoffnung, Mäuselöcher zu finden. Der 60-Jährige immer hinterher, denn die Verantwortung ist groß. „Aber die Kinder sollen die Welt entdecken dürfen", sagt er.

Vielen Männern ist dieser Job vermutlich zu anstrengend. Lediglich drei sind beim Verein für Kindertagespflege in Bautzen registriert. Das sind fünf Prozent der Mitglieder, etwa so viel wie im Bundesdurchschnitt. Dabei ist die Nachfrage groß. Viele Kommunen suchen dringend Menschen, die Kinder betreuen – nicht zuletzt, weil ab August auch Eltern von einjährigen Kindern einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Dem Statistischen Bundesamt zufolge fehlen aber noch 220000 Plätze, weshalb der Deutsche Städtebund mit einer Klagewelle der Eltern rechnet.

Die beiden Plätze in der Kindertagespflege von Roland Koschnicke in Bischofswerda sind bis Herbst 2014 ausgebucht. Mehr Kinder will er nicht aufnehmen, auch wenn sich der Stress dann vielleicht finanziell wenigstens etwas mehr rechnen würde. Denn pro Kind und Stunde erhalten Tagesväter zwischen fünf und neun Euro. „Aber ich habe ja nur zwei Hände", sagt der Bischofswerdaer, während er mit Luca und Hannah wieder zu Hause ankommt. Genau rechtzeitig. Denn das Mittagessen wird in dem Moment angeliefert, als das Trio vor der Haustür steht. Nun beginnt der Stress. Die Wintersachen müssen ausgezogen, die Hände gewaschen und der Tisch gedeckt werden. Und das am besten zeitgleich, wenn es kein Geschrei geben soll. Doch Roland Koschnicke lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Geschickt hält er die beiden Kleinkinder bei Laune, bis er schließlich den Tischspruch aufsagt: „Auf dem Berg sitzt ein Zwerg und pfeift ein Lied – Guten Appetit!"


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Mauerpark ohne Menschenmassen


Wer an den Berliner Mauerpark denkt, dem kommen Bilder von Konzerten, gut gelaunten Menschen beim Grillen im Sommer oder von großen Trödelmärkten in den Sinn. Charme und  Geschichte des Parks entfalten sich aber bei Spaziergängen im November. Abseits aller Touristen.

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